Mátyás G. Terebesi






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Ein Mahnmal für den Holocaust
Die Absicht, in der Hauptstadt Berlin ein Holocaust-Mahnmal zu errichten,
ist begrüßenswert. Es wird allerdings auch Zeit. Es bleibt eine
einmalige Gräueltat der Menschen, diese durchstrukturierte Organisation
zur Vernichtung von Millionen von Juden, aber auch Sinti und Roma, Behinderten,
Homosexuellen, politischen Oppositionellen, Querdenkern und Unbequemen,
erschaffen, geduldet, nicht verhindert zu haben. Es ist (und bleibt hoffentlich)
eine einmaliges Ereignis. An dieses zu erinnern ist unsere Pflicht, ein
zwingender Beitrag an die Opfer und Hinterbliebenen zum einen, aber auch
als Mahnung an zukünftige Generationen.
Natürlich ist die Last des Holocaust emotional nie zu bewältigen,
die Monstrosität und ihre Dimensionen sind rationell kaum zu verarbeiten.
Eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist zwingend, auch für
mich als Bildhauer und als Jude. Doch die Debatte auf künstlerischer
Ebene ist äußerst delikat und wird immer ein Kompromiss bleiben. Die Erwartungen sind enorm hoch, denn ein aussagekräftiges
Mahnmal soll entstehen. Im Vergleich mit ein Paar staubigen Schuhen, die
dem zehnjährigen Jungen gehörten, der die Trommel im Takt schlagen musste, während die Leute in Richtung Vernichtungslager marschierten,
eine unmögliche Aufgabe, der nicht gerecht zu werden ist.
Es ist also mehr, als eine künstlerische Herausforderung, man
verlangt nach einem Konzept, dass all diesen Erwartungen entspricht.
Im Laufe der Ausschreibung sind viele gute Vorschläge gemacht worden.
Trotzdem zögere ich nicht , auch meinen Beitrag zu diesem Thema leisten
zu wollen.
Arbeitsmodel für das Mahnmahl aus Kork und Messing
Das Projekt:
Das Projekt besteht aus drei in sich abgeschlossenen Elementen, die eine Einheit bilden: die S k u l p t u r, die K r y p t a und der M u l t i m e d i a - B e r e i c h. Diese Trennung ist nötig, um verschiedenen Ansprüchen gleichermaßen gerecht zu werden. Jeder andere Versuch scheint mir zum Scheitern verurteilt, da eine universale Lösung nicht alle Aufgaben zu genüge bewältigen kann. Daher halte ich es für sinnvoller, die Aufgabenbereiche zu teilen, um in jedem Fachbereich die maximale Ausdruckskraft zu gewährleisten. Die Skulptur als plastisches Element ist für den visuellen Aspekt zuständig, die als Sockel dienende Krypta als Ort der Begegnung und der Multimedia-Bereich übernimmt dank der Möglichkeiten der modernen Technologien den historischen Part, der diese Anforderungen und Erwartungen am besten zu erfüllen vermag.
Die Skulptur:
Sie übernimmt die Funktion eines Signals. Der offensichtlichste Teil des Monuments muss einen starken Symbolcharakter haben, darf aber nicht überbelastet werden. Das Pathetische in der Bildhauerei wird schnell unerträglich. Der erste Eindruck verweist den Betrachter auf eine klassische Form der Menora, des siebenarmigen Leuchters der Juden. Zugleich sind aber die Arme des Leuchters als eigenständige plastische Elemente zu deuten. Sie sind frontal und von deutlicher Transparenz bestimmt. Durch diese sieben Türme, mit ihrer fast unerträglichen Repetition, soll ein beklemmender Eindruck erweckt werden. Die Turmreihe ist etwa dreißig Meter lang, jeder der Türme misst ungefähr sieben Meter in der Höhe, die Abmessungen sind identisch. Die Rahmen bestehen aus Beton, das Innere der Plastiken, in der die eigentliche bildhauerische Gestaltung stattfindet, aus Bronze. Die einzelnen Motive werden teilweise auch anthropomorphe Züge annehmen, im ganzen aber mehr durch freie Assoziation, als durch eine strenge Anekdote. Es gilt vor allem einen Gesamteindruck zu erzeugen, der sehr einprägsam ist.
Die Krypta:
Die Krypta wird von einer einfachen Architektur beherrscht. Zum einen
ist sie Träger der Skulptur, also Sockel. Zum anderen birgt sie aber
auch Räumlichkeiten, um den Multimedia-Bereich zu beherbergen und
zu schützen. Als ein Teil des Monumentes werden hier Anforderungen
an den Baumeister gestellt, den Gesamteindruck zu stärken. Das Gebäude
ist zum größten Teil unterirdisch. Der Eindruck der Monumentalität
soll vermieden werden, doch sollen die Innenräume viel Platz bieten.
Mein Wunsch ist es, diesem Gebäude durch Form und Materialien einen
eigenständigen Ausdruck zu verleihen. Wenn der Besuchern durch die
langen äußeren Gänge zu dem Inneren der Krypta vordringt,
sollen Stimmungen in ihm geweckt werden.
Selbstverständlich ist auch die Gestaltung des Umfeldes ein
wichtiges Element, Größe und äußere Einflüsse
sind zu berücksichtigen. Sollten an dem vorgesehenen Ort höhere
Gebäude stehen, müsste für den ganzen Komplex eine
Anhebung in Erwägung gezogen werden.
Der Multimedia-Bereich:
Der Multimedia-Bereich ist unter anderem für didaktische Zwecke gedacht. Mit Hilfe neuester Technologien (interaktives Video, Audio, PC, Internet) soll den Besuchern eine Fülle von Informationen zugänglich gemacht werden. Texte, Filme (z.B. „Shoah“ von Claude Lansmann) und Dokumentationen jeder Art sollen den Interessenten zugänglich gemacht werden. Auch die neuesten Bestrebungen Steven Spielbergs, ein Archiv der noch lebenden Zeitzeugen einzurichten, gehen in diese Richtung. Eine Kooperation diesbezüglich wäre wünschenswert. Dabei ist auch auf akustische Signale nicht zu verzichten, von ein Tonband könnten Namenslisten von Opfern abgespielt werden. Zudem könnten Räumlichkeiten für Ausstellungen vorgesehen werden. Hier ist natürlich eine enge Zusammenarbeit mit weiteren Mitarbeitern gefragt. Dieser Raum soll flexibel genutzt werden und die Möglichkeit bieten, mehr als nur ein modern ausgerüstetes Museum des Grauens sein. Absprachen mit den jüdischen Gemeinden , des Zentralrats und weiteren, auch historischen Institutionen sind erstrebenswert.
Reflexion:
Die Durchführung eines solch wichtigen Unternehmens ist natürlich
von mehr als nur gutem Willen abhängig. Es sollte aber nicht an der
finanziellen Knappheit der Staatskassen scheitern, dieser historische Auftrag
darf nicht mehr weiter aufgeschoben werden. Hier müssen Kräfte
und Mittel mobilisiert, Interessen koordiniert, Prioritäten gesetzt
werden. Persönliche Interessen dürfen nicht zur Profilierung
der Sache gegenübergestellt werden, ein Scheitern nicht als individuelle
Niederlage aufgefasst werden; es gilt einzig und allein die Verwirklichung
eines Mahnmals voranzutreiben.
In diesem Sinne ist auch dieser Beitrag zu bewerten, als ein Vorschlag
innerhalb einer Debatte. Dieses Projekt ist auf keinen Fall endgültig,
es ist eine Denkanstoß und somit jeder positiven Mitwirkung dankbar.
Beste Qualitäten sollen vereint werden um ein zufriedenstellendes
Ergebnis zu ermöglichen. Dass dabei nicht alle zufrieden gestellt
werden können, ist anzunehmen. Aber in Anbetracht der Ernsthaftigkeit
des Themas darf das eigentliche Ziel nicht verfehlt werden: ein Mahnmal
zu errichten, dass man den Holocaust nie vergessen möge.
Dieser Text wurde auszugsweise in der „Zeit“ Nr. 6/97 als Leserbrief veröffentlicht:
Mit größter Interesse verfolge ich die Auseinandersetzung
um das geplante Holocaust-Mahnmal. Historiker, Politiker, Journalisten
melden sich zu Wort und reden über Kunst und was sie darf oder nicht.
Als Bildhauer (mit jüdischer Abstammung) habe ich auch einen Bezug
zu dieser Art plastischen Gestaltens. Da ich aber erst spät, bedingt
durch einen langjährigen Auslandsaufenthalt, von der ganzen Debatte
erfuhr, bleibt mir die Rolle des Beobachters.
Da gibt es misstrauische Stimmen, die in diesem Zusammenhang
von einem das Gewissen bereinigenden Platz zum Kranz Abwerfen reden oder
gar, dass der Deutsche sich selbst mit der Erstellung eines Mahnmals
in die Opferrolle drängen könnte. Es sind Unterstellungen, die
keiner ernst nehmen wird. Diese Art von Argumentation erscheint im Zusammenhang
als bösartig, soviel politische Reife darf man dem Bundesbürger
wohl noch zugestehen. Die deutsche Nation im Hinblick auf den Holocaust
zu identifizieren, erscheint mir genauso töricht, wie das Monopol
der Juden, all das Leid auf sich zu beziehen und darauf den Staat Israel
zu begründen. Mit anderen Worten, die ganze Debatte ist mit Dingen
belastet, die wahrscheinlich alle gut gemeint sind und deswegen das Gegenteil
bewirken.
Die Erwartungen an das Mahnmal sind vielleicht auch zu hochgesteckt.
Wie kommt es , dass ein einmaliges geschichtliches Phänomen,
das ein einzelnes Menschenhirn nie im vollen Ausmaß erfassen kann,
über das sich Historiker immer noch streiten und dies weiterhin lange
tun werden, mit Erwartungen an ein Mahnmal überfrachtet wird, die
nicht zu bewältigen sind. Die ganze Debatte über die Beweggründe,
die einen Rechtfertigungszwang mit sich ziehen, bleibt müßig.
Das Mahnmal darf auch unter Vorbehalt von Irrtümern aufgestellt werden.
Besserwisser wird es immer geben, es ist aber niemand in dieser Auseinandersetzung
befugt, den moralischen Zeigefinger zu heben. Anders gesagt, ich kann mich
des Eindrucks nicht erwehren ,dass all die Versuche, ein absolut und
politisch korrektes Mahnmal zu erstellen auf einen Wiedergutmachungsversuch
hinausführen. Dies aber geht nicht. Man kann die deutsche Geschichte,
die zwölf Jahre Naziterror und all das Geschehene nicht rückgängig
machen. Das sollten sich auch diejenigen zu Herzen nehmen, die glauben,
das Gewissen der Nation zu sein und sie eines besseren zu belehren zu müssen.
Ob jetzt ein Mahnmal oder ein Museum entsteht, es wird sich eine
Lösung finden. Der Grundgedanke ist festzuhalten, denn die Absichten
sind gut. Worauf man aber kaum Einfluss haben wird, ist der persönliche
Umgang eines jeden einzelnen mit der Geschichte. Natürlich ist es
ärgerlich, wenn Papierschnitzel in den Gedenkstätten herumliegen,
es erscheint pietätlos und empört uns. Aber auch hier sollte
die Geschichte uns lehren, dass der Umgang mit Dingen und Einrichtungen
nicht bestimmbar ist. Wie ein Individuum auf äußere Reize reagiert,
kann nicht vorhergesagt werden. Ein Mahnmal so errichten zu wollen, dass Fehlinterpretationen auszuschließen sind, erscheint mir als Absicht
verkehrt. Daran muss sich die Menschheit gewöhnen, dass das Urheberrecht unvollkommen ist und nicht vor
Missbrauch schützen
kann. Sollen wir die Komponisten Richard Wagner oder Anton Bruckner ewig
mit dem Vorwurf belasten, dass die Nazis ihre Musik zu Propagandazwecken missbraucht
haben? Da weist uns der Dirigent James Levine einen besseren,
einen großzügigeren Weg. Denn sonst dürften wir in dieser
Konsequenz auch keinen Mercedes Benz und keinen Zug der Deutschen Bahn
mehr besteigen.
Es wird viel diskutiert, geschrieben, Kolloquien werden gehalten,
die Presse berichtet ausführlich, Positionen werden hartnäckig
verteidigt. Alle Beteiligten hegen den gleichen Wunsch, der Holocaust möge
nie vergessen und nicht in die Vergangenheit gerückt werden, um sich
dadurch der Projektion in die Zukunft zu entziehen, um es mit Vilém
Flusser zu halten. Die Debatte läuft weiter und es ist erfreulich,
denn sie ist auch Teil des Mahnmals. Mahnmal oder Museum, diese entweder-oder-Diskussion
aus Scheu, einen falschen Schritt zu machen, ist verständlich. Die
Gedenkstätten dürfen nicht verfallen, ein Museum ist notwendig,
ebenso wie die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema. All
das zu kombinieren, ist eine Herausforderung, die gemeinsam bewältigt
werden kann. Ein Kunstwerk hält dem Vergleich mit ein Paar staubigen
Schuhen des zehnjährigen Jungen nicht Stand, der die Trommel im Takt
schlagen musste, während die Leute in Richtung Vernichtungslager
marschierten. Versuche in dieser Richtung sind zum Scheitern verurteilt.
Auch eine Architektur kann diese Erwartungen nicht erfüllen. Stimmungen
diktieren zu wollen, um seiner eigenen Ohnmacht der Geschichte gegenüber
Ausdruck zu verleihen, ist mit künstlerischen Mitteln nie zu erreichen.
Bleibt zu hoffen, dass ein Kompromiss gefunden wird, so
unvollständig er auch sein mag, der den Betrachter an sein Schicksal
erinnert. Das Schicksal der Menschheit dazu verdammt zu sein, mit diesem
grausamen Erbe des Holocaust weiterleben zu müssen.
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